Erstaunliche Reisen: Griechenland
Feldbuch: Lara Croft. Was verbirgt das Kuriosum des heiligen Franziskus?

Nora Bennett: Willkommen, liebes Lesepublikum, zu einer weiteren Ausgabe von Feldbuch, der regelmäßig stattfindenden Gesprächsrunde von Erstaunliche Reisen, bei der redaktionelle Standards weniger streng sind und Mutmaßungen mitreden. In diesem Fall sogar ziemlich deutlich. Ich bin Nora Bennett, Chefredakteurin dieser kleinen Publikation. Wieder mit dabei ist Julian Mercer, unser hauseigener Spezialist für Randthemen, der nach dem Erfolg unserer letzten Titelgeschichte, in der wir der rätselhaften Lara Croft bis in die peruanischen Anden gefolgt sind, vermutlich besonders zufrieden mit sich selbst ist.
Julian Mercer: Unser Verlag schien jedenfalls ziemlich zufrieden zu sein.
Nora: Genau wie wir. Sie haben da ein richtiges Rätsel ausfindig gemacht und gerade genug Puzzleteile zusammengesetzt, um unser Lesepublikum – sowie unversehens auch viele andere – zu erstaunlich vielen Mutmaßungen anzuregen.
Julian: Lara Croft und Jacqueline Natla im selben Artikel? Unwiderstehlich. Die eine ist eine Medienobsession, die andere ein Magnet für Verschwörungstheorien.
Nora: Und wer ist was davon?
Julian: Bei genauerem Hinsehen verschwimmt der Unterschied. Worauf ich aber hinauswill: Ich hätte ahnen müssen, wie weit sich die Geschichte über unsere übliche Leserschaft hinaus verbreiten würde.
Nora: Bescheidenheit passt nicht zu Ihnen, Julian.
Julian: Sie fühlt sich jedenfalls unangenehm an.
Nora: Ein bisschen Stolz ist aber durchaus angebracht. Die erste Auflage unserer Peru-Ausgabe war ausverkauft, die Zahl der Abos stieg an und unser Verlag öffnete daraufhin den Geldhahn. Für alle, die den Artikel beim ersten Mal verpasst haben, veröffentlichen wir eine limitierte Neuauflage von Ausgabe Nr. 310 mit einem neuen illustrierten Cover anstelle dieses übernutzten Pressefotos. Mit dieser Ausgabe, in der wir Croft nach Griechenland folgen, haben wir dasselbe gemacht. Beide wurden von einem talentierten Mitglied der Croft-Community illustriert, das online unter dem Namen Illyne auftritt.
Julian: Und falls Lara das Format Erstaunliche Reisen vorher noch nicht kannte, dann hat sie uns jetzt definitiv auf dem Schirm. Vor kurzem wurde sie in London gesichtet, und einige Boulevardzeitungen verfolgen sie seither mit immer haarsträubenderen Theorien. Etwa, dass Lara ihren Führer Carlos in Vilcabamba bei einem uralten apokalyptischen Ritual geopfert habe oder dass sie für Natla irgendeine biotechnologische Waffe bergen sollte. Allem Anschein nach lässt das Croft aber kalt, wie man es von ihr gewöhnt ist. Weder sie noch ihre Beauftragten haben sich dazu geäußert.
Nora: Lara ist also wieder zu Hause?
Julian: Ja. Wem oder was auch immer sie hinterher war, die Suche scheint sie in rascher Folge an mehrere Orte geführt zu haben. Im Grunde hinken wir ihr hinterher und stellen eine Reiseroute nach, die sie längst hinter sich hat.
Nora: Die Welt ist nicht durch irgendeine uralte Apokalypse untergegangen und Natla Tech hat auch keine wundersamen neuen Durchbrüche in der Biotechnologie präsentiert. Ich denke also, diese Theorien können wir vorerst beiseite legen.
Julian: Stimmt.
Nora: Unser Lesepublikum wartet gespannt auf Neuigkeiten. Bevor wir jedoch nach Griechenland aufbrechen, sollten wir Peru noch abschließen.
Julian: Leider gibt es immer noch nichts Neues von Carlos. Wir haben die Koordinaten des betreffenden Dorfs in den Anden bewusst zurückgehalten, und zwar zu Recht, damit sich nicht noch jemand anderes auf die Suche nach ihm macht und dabei ins Verhängnis geraten.
Nora: Ich hoffe nach wie vor, dass er einfach irgendwo am Strand liegt.
Julian: Der Sorgfalt halber habe ich nachgehakt, und zwar bei den Behörden in der Region. Sie schienen nicht gerade daran interessiert zu sein, der Sache weiter nachzugehen. Ihr Standpunkt war im Wesentlichen, dass das Gelände gefährlich sei, die Route von Carlos nicht bekannt war und dass sich alle, die sich freiwillig in die Berge begeben, sich zugleich ihrem Schicksal ergeben. Ziemlich gefühllos, nicht wahr?
Nora: „Pragmatisch“ könnte man auch sagen.
Julian: Oder, dass es jemandem sehr gelegen kommt. Die Behörden waren nicht die Einzigen, die plötzlich nichts mehr sagen wollten. Meine Kontaktperson im Dorf verriet noch ein paar neue Details, bevor auch sie nichts mehr zu sagen hatte. Mir gefällt nicht, wie schnell sich nach unserer Veröffentlichung plötzlich alle Türen geschlossen haben.
Nora: Mir auch nicht. Was haben Sie davor noch erfahren?
Julian: Dass der blonde Mann zurück kam.
Nora: Er kam zurück? Wir hatten berichtet, dass er an Bord des Flugzeugs von Natla abgereist war.
Julian: In der Tat. Da der Redaktionsschluss näher rückte, hatte ich mich auf Laras Spur konzentriert. Als ich später erneut nachforschte, erfuhr ich, dass dasselbe Flugzeug weniger als achtundvierzig Stunden später mit ihm an Bord zur Landepiste zurückkehrte. Und das war nicht die einzige Ankunft. Im ungefähr selben Zeitraum landeten dort auch mehrere Frachtcharterflüge.
Nora: Und die sind Ihnen entgangen?
Julian: Ich hatte meine Prioritäten. Vergessen Sie nicht, das ist eigentlich eine Landepiste für das Bergbaubetriebe. Frachtverkehr ist an sich nichts Verdächtiges. Deutlich interessanter wurde es, als meine Kontaktperson mir verriet, dass Mitarbeitende einer Auftragsfirma zusammen mit der Fracht eingetroffen waren, und dass sie dann mit dem blonden Amerikaner weitergingen.
Nora: Etwa zurück ins Dorf?
Julian: Durch das Dorf hindurch und dann den Berg hinauf. Zur Ausrüstung gehörten industrielle Hebevorrichtungen, Generatoren sowie eine beträchtliche Anzahl verstärkter Metallplatten und Rahmen. Große Exemplare, die als Einzelteile transportiert wurden.
Nora: Wofür?
Julian: Da bin ich mir nicht sicher. Zusammengebaut sahen einige der Konstruktionen laut meiner Kontaktperson jedoch eindeutig aus wie Käfige.
Nora: Wie Käfige?
Julian: Ihre Worte, nicht meine. In den darauffolgenden Tagen nahm auch der Hubschrauberverkehr in der Region deutlich zu.
Nora: Natlas Mann verlässt also Peru und kehrt zwei Tage später mit einer Auftragsfirma, Frachtflügen, schwerem Gerät, Modulplatten und Hubschrauberunterstützung zurück.
Julian: Leider waren das die letzten brauchbaren Infos, die ich bekommen habe. Sie kontaktierte mich noch ein letztes Mal, nur um unmissverständlich klarzustellen, dass sie nicht mehr mit mir sprechen würde. Angesichts des Zeitpunkts komme ich nicht umhin, mich zu fragen, ob sich jemand mit einem größeren Budget ihr Schweigen erkauft hat.
Nora: Und Sie meinen, bei den örtlichen Behörden könnte es genauso gewesen sein?
Julian: Es wäre naiv, das auszuschließen.
Nora: Na gut. Also keine Leute mehr vor Ort in Peru. Hätten Sie nicht nochmal bei ihrer geheimen Person mit dem Satelliten fragen können, um die Spur zu verfolgen?
Julian: Nein, das war eine einmalige Sache. Teil von mir bedauert, dass ich die Beziehung so früh spielen ließ, doch realistisch betrachtet hätte dann keinen Peru-Artikel gegeben. Kann mich also kaum beschweren.
Nora: Vielleicht ist das ein guter Zeitpunkt, unsere neu Abonnierenden daran zu erinnern, wie sie uns erreichen können … falls zufällig jemand von ihnen Zugang zu Satellitentechnik hat.
Julian: Das ist vielleicht gar nicht so weit hergeholt. Seit die Peru-Ausgabe erschienen ist, überschwemmt man uns ja nahezu mit Hinweisen. Natürlich ist das meiste davon Unsinn, aber einiges war überraschend hilfreich. Zum Beispiel bekamen wir Aufschluss über einen kurzen Zwischenstopp, den Lara zwischen Peru und Griechenland einlegte. Das hatte ich bereits vermerkt, konnte es mir aber nicht erklären. San Francisco.
Nora: Wenn Sie von dem Zwischenstopp wussten, warum haben Sie das dann nicht in der letzten Ausgabe erwähnt?
Julian: Weil, zu dem Zeitpunkt hatte ich nur eine Flugzeugkennung, ein paar Stunden auf der Rollbahn, und keinerlei Hinweis darauf, wohin sie ging oder warum.
Nora: Und die Verzögerung hat nichts damit zu tun, dass Sie noch eine Überleitung zwischen den Artikeln brauchten?
Julian: Das eine muss das andere nicht ausschließen, Nora.
Nora: Ich habe ein Monster erschaffen.
Julian: Nebenbei bemerkt: Angesichts der Aufmerksamkeit, die diese Geschichte erregt hat, gehe ich fest davon aus, dass Lara künftig einen Weg finden wird, ihre Flugaktivitäten zu verschleiern. Dieses Mal kam uns die Natur des Druckmediums zugute. Ich verfolgte Crofts Flugzeug weiter, nachdem die Peru-Ausgabe bereits in den Druck gegangen war, und als sie unser Lesepublikum erreichte, wusste ich bereits, dass Lara in San Francisco Halt machte und dann weiter nach Griechenland flog. Was mir fehlte, war eine Theorie zu diesem Zwischenstopp. Die hatte ich erst später.
Nora: Sie sollte Ihnen dankbar sein. Sie haben ihr geholfen, eine Schwachstelle in ihren Sicherheitsvorkehrungen aufzudecken.
Julian: Ich glaube eher nicht, dass sie mir eine Dankeskarte schickt.
Nora: Also, welche Bedeutung hat San Francisco für diese Geschichte?
Julian: Ärgerlicherweise bin ich mir da nicht sicher. Sie ist nachts gelandet und blieb nur ein paar Stunden. Jedenfalls war da der Hinweis nützlich, dass sie im Stadtteil SoMa gesichtet wurde.
Nora: Und warum ist von Interesse?
Julian: Weil sie damit nur einen Katzensprung vom Hauptsitz von Natla Technologies entfernt war.
Nora: Das ist allerdings von Interesse. Haben Sie bei Natla um eine Stellungnahme gebeten?
Julian: Natürlich. Sie haben nicht geantwortet. Vielleicht, weil man sie gerade mit Nachrichten überflutet und Jacqueline Natla vorwirft, dass sie die Weltherrschaft an sich reißen oder die unschuldigen Faultiere des Amazonas für pharmazeutische Zwecke ausnutzen will. Ich vermute, bei Natla Technologies ist man nicht gerade begeistert von der Aufmerksamkeit, die wir auf sie gelenkt haben.
Nora: Ich kann mir ja nicht vorstellen, warum.
Julian: Dass Natla seit Wochen nicht öffentlich aufgetreten ist, was fairerweise nicht völlig ungewöhnlich ist, hat die Mutmaßungen nur weiter angeheizt.
Nora: Also haben wir zumindest eine lauwarme Spur. Peru. San Francisco. Griechenland. Entgeht mir dabei irgendetwas?
Julian: Soweit ich das beurteilen kann, gibt es keinen offensichtlichen kulturellen oder historischen Zusammenhang zwischen diesen Orten. Allerdings sind da die Leute. Eine ungewöhnliche Gruppe von Personen taucht immer wieder an denselben Orten auf.
Nora: Da müssen Sie uns schon mehr verraten.
Julian: Das kann ich. Laras Spur bis Lara bis nach Griechenland verfolgen? Kein Problem. Ihre Spur innerhalb von Griechenland zu verfolgen war schwieriger. Ihr Flugzeug wurde auf einem kleinen Flugplatz außerhalb des Athener Zentrums registriert, und mindestens zwei Personen erinnerten sich daran, sie dort gesehen zu haben. Eine davon veröffentlichte die Sichtung sogar in den sozialen Medien. Wie es der Zufall wollte, hatte der Flugplatz in dieser Woche bereits unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich gezogen, also waren das Sicherheitspersonal und die dortigen Besuchenden besonders aufmerksam.
Nora: Weswegen?
Julian: Ein paar Tage zuvor war eine größere Gruppe durchgereist, bei denen es sich offenbar um Mitarbeitende eines privaten Sicherheitsdienstes handelte. Es ist ein relativ kleiner Flugplatz, der für Privatflugzeuge, Flugschulen und dergleichen genutzt wird. Daher fielen sie auf – besonders, als man bei der ausgeladenen Ausrüstung Gewehrkoffer und andere Waffen entdeckte. Die Flughafensicherheit übergab die Angelegenheit der örtlichen Polizei, die allen vielleicht etwas zu schnell versicherte, dass die Unterlagen der Gruppe in Ordnung seien. Weitere Untersuchungen wurden nicht getätigt.
Nora: Klingt, als hätten sie ganz legal gehandelt.
Julian: Oder jemand hat es auf dem Papier so aussehen lassen. Eine örtliche Publikation berichtete über die Beschwerden, also habe ich berichterstattende Person kontaktiert. Diese hat dann versucht, sich Einblick in die angeblich von den Behörden geprüften Unterlagen zu verschaffen, kam aber nicht weiter. Selbst mit unseren vereinten Ressourcen konnten wir nicht herausfinden, wer die Gruppe angeheuert hatte. Auch Fotos vom Flugplatz und ein Standbild, das uns eine Quelle vor Ort zukommen ließ, halfen uns nicht viel weiter. Keine Abzeichen, keine Firmenkennzeichnung. Wir konnten niemanden zuverlässig identifizieren. Vielleicht ist das auch besser so.
Nora: … Kriegen Sie kalte Füße, Julian?
Julian: Die sind höchstens lauwarm, danke. Aber ich würde lieber nicht die Aufmerksamkeit von irgendwelchen Schwerbewaffneten auf mich ziehen, deren Auftraggebende ich nicht identifizieren kann. Wenn all das zusammenhängt, wovon ich zunehmend ausgehe, muss man sich schon fragen, warum in der Welt der Archäologie eine derartige Bewaffnung nötig ist.
Nora: Eine berechtigte Frage. Wer schien das Sagen zu haben?
Julian: Da wird es noch interessanter. Die Leute vom Sicherheitsdienst selbst wirkten ausgesprochen professionell. Gepflegt. Gut koordiniert. Eine ortsansässige Person beschrieb jedoch einen Mann, der zusammen mit ihnen unterwegs war und deutlich aus der Reihe fiel: grau meliertes Haar, Spitzbart, möglicherweise ein französischer Akzent. Deutlich lebhafter als die anderen, und man hat ihm viel Achtung gezollt. Ich vermute, er war der Auftraggeber oder hat den Einsatz zumindest geleitet.
Nora: Und wo sind sie hin?
Julian: Sie verluden ihre Ausrüstung und fuhren im Konvoi nach Nordwesten.
Nora: Wann kam Lara an?
Julian: Innerhalb von vierundzwanzig Stunden. Sie landete nicht nur auf genau demselben Flugplatz, sondern machte sich ebenfalls Richtung Nordwesten auf. Diesmal allein. Ganz ohne Führung oder Begleitung. Also habe ich die Berichte über den Konvoi durchstudiert: Sichtungen entlang der Strecke, Stopps zum Tanken und für Vorräte. Alles, was ich bestätigen konnte. Jeder Hinweis grenzte den Korridor weiter ein, und anhand davon recherchierte ich historische Stätten entlang ihrer wahrscheinlichen Route.
Nora: … Und?
Julian: Griechenland mangelt es nicht gerade an Ruinen. Ich begann mit etwa einem Dutzend Möglichkeiten und schloss zuerst die offensichtlichen aus. Also Touristenziele, UNESCO-Stätten, überhaupt alle Orte, an denen ein Konvoi oder bewaffnete Sicherheitsdienstleute sofort aufgefallen wären. Bei mehreren anderen liefen Ausgrabungen oder Erhaltungsarbeiten, also ebenso unwahrscheinlich. Ich kam immer wieder auf ein vielversprechendes Ziel zurück: das Kuriosum des heiligen Franziskus.
Nora: Das byzantinische Kloster? Das ist seit Jahrzehnten geschlossen.
Julian: Seit fast einem Jahrhundert. Die Stätte selbst ist möglicherweise deutlich älter, als der Name vermuten lässt, doch in den meisten modernen Aufzeichnungen geht es um den erhaltenen Klosterkomplex. Der Zugang für Öffentlichkeit und Wissenschaft ist seit Langem untersagt, angeblich weil sowohl die Ruinen als auch die Klippe darunter wenig stabil und gefährlich sind. Ein Einsturz gilt als „unmittelbar bevorstehend“.
Nora: Und das seit fast einem Jahrhundert?
Julian: Es ist offenbar ein ziemlich ausweitbarer Begriff. Im Laufe der Jahrzehnte gab es zahlreiche Versuche, die Klippe zu stabilisieren und die äußeren Zugangswege abzusichern. Einige davon kamen sogar tatsächlich in Gang, doch die Arbeiten gingen selten über die Felswand und die Zugangswege hinaus.
Nora: Und kein Versuch war je erfolgreich?
Julian: Nein. Aus dem einen oder anderen Grund werden die Stabilisierungsmaßnahmen immer wieder zum Einsturz gebracht, und das lange vor der Klippe selbst. Die Finanzierung versiegt. Verträge werden gekündigt. Der neueste ernsthafte Versuch endete, nachdem bereits zu Beginn des Projekts drei Arbeiter bei voneinander unabhängigen Unfällen ums Leben gekommen waren. Vor einigen Jahren ignorierte eine Internetpersönlichkeit bekanntermaßen die Absperrungen und Warnungen vor unbefugtem Betreten, und wurde später tot am Fuß der Klippe gefunden. Seitdem gab es keine weiteren Stabilisierungsversuche.
Nora: Klingt … verdächtig.
Julian: Eine Stätte dieses Alters kann von Natur aus gefährlich sein.
Nora: Reicht Ihnen diesmal etwa die banale Erklärung, Julian?
Julian: Wohl kaum. Ich weise lediglich darauf hin, dass man auch ganz ohne fremde Hilfe auf Klippen umkommen können, und das schon seit Anbeginn der Menschheit. Das Kuriosum des heiligen Franziskus ist schwer zu erreichen, weil es an einem schwer zugänglichen Ort errichtet wurde. Religiöse Gemeinschaften, die Abgeschiedenheit suchen, sind nicht gerade dafür bekannt, Bequemlichkeit an erste Stelle zu setzen.
Nora: Der Standort selbst stört Sie also nicht.
Julian: Der Standort? Nein. Dass aber die Versuche, den Ort zu untersuchen oder zu stabilisieren, ständig scheitern? Das finde ich viel interessanter. Erstens das, und dann gibt es Theorien …
Nora: Darauf habe ich gewartet.
Julian: Eine meiner wichtigsten Quellen glaubt, dass einige einflussreiche Personen archäologische Stätten durch Bürokratie verbergen, und das direkt vor aller Augen. Finanzierung lässt sich streichen. Verträge kann man anfechten. Man kann einer Stätte zum Beispiel auf unbestimmte Zeit Sicherheitsbeschränkungen auferlegen.
Nora: Gehört diese Quelle etwa zu Ihrer Raubrunde? Ihrem Netzwerk der archäologischen Ahndung? Wie hatten Sie es genannt?
Julian: Ich wiederhole nochmal mit Nachdruck: Ich habe nie gesagt, dass es ein organisiertes Grabraubnetzwerk gibt. Ich habe Kontaktpersonen. Diese Schlussfolgerung haben Sie selbst gezogen, und jetzt machen Sie daraus noch einen Geheimbund.
Nora: Weil Sie mir die Vorlage gegeben haben.
Julian: Touché.
Nora: Na schön. Rein hypothetisch – wenn es eine solche Organisation tatsächlich gäbe, wäre Croft dann ein Teil davon?
Julian: Das bezweifle ich eher. Croft hat wiederholt gezeigt, dass sie lieber unabhängig arbeitet, und Institutionen im Allgemeinen ist sie bekannterweise abgeneigt.
Nora: Das stimmt. Und wie vertrauenswürdig ist diese Quelle konkret?
Julian: Ihre Informationen haben sich oft genug als zuverlässig erwiesen, dass ich selbst ihre ungewöhnlicheren Theorien ernst nehme. Über die Person selbst weiß ich ärgerlicherweise nur wenig. Nur, dass Englisch mit ziemlicher Sicherheit nicht ihre Muttersprache ist, und dass sie offenbar genau so sehr an Croft interessiert ist wie ich.
Nora: Wissen Sie vielleicht, woher die Person kommt?
Julian: Höchstwahrscheinlich aus dem französischen Sprachraum. In unserer Korrespondenz gab es ein paar kleine sprachliche Hinweise darauf.
Nora: Könnte Ihre Quelle der Franzose sein, der den Konvoi angeführt hat?
Julian: Es gibt Hunderte Millionen französischsprachige Menschen auf der Welt, Nora.
Nora: Was haben Sie in der letzten Ausgabe noch über Zufälle gesagt, Julian?
Julian: … Je öfter ein Zufall auftritt, desto weniger überzeugend ist die Sache.
Nora: Ich sag ja nur.
Julian: Die Theorie meiner Quelle, dass man bestimmte Stätten mit Absicht unzugänglich macht, ist älter als diese Untersuchung. Als Croft ins Spiel kam, kontaktierte ich meine Quelle, weil ich davon ausging, dass sie etwas dazu zu sagen hätte. Diesmal erhielt ich keine Antwort auf meine Anfragen, was ungewöhnlich ist.
Nora: Noch eine Tür, die sich schließt.
Julian: Genau.
Nora: Nehme ich so zur Kenntnis. Zurück zum Kuriosum des heiligen Franziskus.
Julian: Nachdem ich mich auf das Kuriosum fokussiert hatte, durchforstete ich örtliche Polizeiberichte nach weiteren Sichtungen des Konvois. Stattdessen stieß ich auf etwas viel Interessanteres. Ein Rucksacktourist, der auf einem abgelegenen Pfad entlang eines benachbarten Bergrückens unterwegs war, hat gemeldet, dass er Explosionen aus der Richtung des Klosters hörte. Außerdem sah er schwache Rauchschwaden, die über den umliegenden Hügeln aufsteigen.
Nora: Wann hat er das gemeldet?
Julian: Nicht sofort. Er war weit abseits der üblichen Routen unterwegs und erreichte erst zwei Tage später seinen nächsten Versorgungspunkt. Dort erstattete er Meldung, und einige Tage später führte die Polizei eine Inspektion durch.
Nora: Hat die Untersuchung etwas ergeben?
Julian: Es gab keine Durchsuchung des Geländes. Wegen der Instabilität der Stätte und des beschränkten Zugangs hielten sie das für unnötig riskant und ließen stattdessen einen Drohne über das Gelände fliegen. An den äußeren Ruinen waren keine neuen Schäden zu erkennen. Das einzige eindeutige Zeichen von kürzlich erfolgter menschlicher Aktivität war ein kleines provisorisches Lager nahe einem der Zugangswege. Weggeworfene Lebensmittelverpackungen, Müll und dergleichen.
Nora: Und wem schrieb die Polizei den Müll zu?
Julian: Unbefugten.
Nora: Klingt nicht gerade so, als hätte eine disziplinierten Militäreinheit ihre Visitenkarte hinterlassen.
Julian: Stimmt. Das Lager könnte von sonst wem stammen. Wichtig ist, dass vor Kurzem jemand dort war.
Nora: Und die Explosionen?
Julian: Die offizielle Schlussfolgerung lautete, dass der Rucksacktourist einen Felssturz mit einer Explosion verwechselt hatte.
Nora: Ein Felssturz könnte ein einziges Geräusch erklären, aber er hatte doch von mehreren berichtet, oder?
Julian: In der Tat. Staub kann aus der Ferne wie Rauch aussehen, daher reichen auch die Rauchschwaden nicht gerade als belastender Hinweis aus. Aber nein, mehrere Geräusche und mehrere Rauchschwaden lassen sich damit nicht so einfach erklären. Als die Polizei die Stätte untersuchte, waren bereits mehrere Tage vergangen.
Nora: Was jemandem sehr gelegen kommt.
Julian: Es ist plausibel. Und es kommt jemandem gelegen.
Nora: Lara Croft und ein schwer bewaffneter Konvoi machen sich also beide in dieselbe Richtung auf. Sie identifizieren entlang ihrer wahrscheinlichen Route eine historische Stätte mit beschränktem Zugang. Etwa zur selben Zeit berichtet ein Zeuge von mehreren scheinbaren Explosionen an genau dieser Stätte, und die Polizei findet Hinweise auf kürzlich erfolgte menschliche Aktivitäten.
Julian: So scheint es. Und das wirft die naheliegende Frage auf: Wenn das Kuriosum des heiligen Franziskus tatsächlich das Ziel war, was könnte so viel Aufmerksamkeit und eine solche Feuerkraft rechtfertigen?
Nora: Wir haben bereits festgestellt, dass weder Reichtum noch Aufmerksamkeit Croft antreiben. Da muss mehr dahinterstecken. Führen Sie uns durch die Geschichte des Kuriosum des heiligen Franziskus und der umliegenden Gegend. Ich habe so das Gefühl, dass du Sie eine Theorie haben.
Julian: Da bislang kein autorisiertes modernes Team das Innere vom Kuriosum des heiligen Franziskus vollständig untersuchen konnte, stammt der Großteil unseres Wissens aus Außenvermessungen, Drohnenaufnahmen und Beobachtung aus der Ferne. An Teilen der Felswand und den sichtbaren Zugangswegen haben schon Ingenieursfachkräfte gearbeitet, doch das Innere ist größtenteils undokumentiert. Von außen ist der erhaltene Komplex jedoch eindeutig byzantinisch: ein Kloster, das an einem ohnehin schon außergewöhnlichen Ort errichtet wurde.
Nora: Nebenbei bemerkt: Croft hat doch ein besonderes Interesse an der byzantinischen Epoche, oder? Kam nicht vor einigen Jahren heraus, dass sie Anfang zwanzig illegal nach Syrien gereist war, um die Forschungen ihres Vaters fortzuführen?
Julian: Croft und ihre Beauftragten haben sich zu diesem Gerücht nie offiziell geäußert.
Nora: Wenig überraschend.
Julian: Jedenfalls ist das Kuriosum umso faszinierender, weil byzantinische Klöster in Griechenland historisch kaum so isoliert gebaut wurden. In der gesamten Region findet man Zivilisationen, die auf den Überresten der Vorhergehenden bauten: Tempel wurden weiterverwendet, Fundamente integriert und Steine für neue Zwecke genutzt. Schicht um Schicht der Geschichte. Diese Möglichkeit ist einer der Gründe, warum Forschende so begierig darauf sind, ins Innere zu gelangen.
Nora: Geben Sie unserem Lesepublikum die Kurzfassung.
Julian: Die Kurzfassung zu Jahrtausenden griechischer Zivilisation? Wie gemein.
Nora: Beeindrucken Sie mich.
Julian: Die ältesten bedeutenden Überreste in der weiteren Region reichen bis ins mykenische Griechenland zurück. In jene bronzezeitliche Welt, die später untrennbar mit den Geschichten um Troja, Agamemnon und der griechischen Heldentradition verbunden sein sollte. Mit dem Zusammenbruch des mykenischen Palastsystems begann in Griechenland die Epoche, die wir heute gemeinhin als frühe Eisenzeit bezeichnen: kleinere Siedlungen, tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen und über mehrere Jahrhunderte hinweg das Verschwinden schriftlicher griechischer Überlieferungen.
Nora: Danach kam das archaische Griechenland.
Julian: Genau. Die Siedlungen wuchsen, die Stadtstaaten entwickelten sich zu bedeutenden politischen und kulturellen Mächten, griechische Gemeinschaften breiteten sich im gesamten Mittelmeerraum aus und monumentale religiöse Architektur gewann zunehmend an Bedeutung.
Nora: Womit wir beim klassischen Griechenland wären.
Julian: Athen auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Perikles, Sokrates, Platon. Der Parthenon. Die griechische Tragödie. Der peloponnesische Krieg zwischen Athen und Sparta. Das ist eine der am besten dokumentierten Epochen der griechischen Antike.
Nora: Und dann, Alexander der Große.
Julian: Und dann Alexander. Sein Tod markiert den Beginn der sogenannten hellenistischen Epoche, in der sich griechische Sprache, Kunst, Religion und Architektur ausbreiteten und mit den Kulturen von Ägypten und Anatolien über Syrien und Persien bis weit darüber hinaus verschmolzen. Diese Epoche war außerdem von monumentalen Bauwerken, Ingenieurskunst, Spektakeln und der Neuinterpretation älterer Mythologie geprägt.
Nora: Das klingt möglicherweise relevant.
Julian: Oh ja. Danach geriet Griechenland allmählich unter römische Herrschaft. Kulturell blieb Athen zutiefst griechisch, doch die römische Herrschaft fügte eine weitere architektonische Schicht hinzu. Bestehende Traditionen von Bädern, Zisternen und Wasseranlagen wurden ausgebaut und durch neue monumentale Verwaltungskomplexe sowie Amphitheater für große Spektakel ergänzt.
Nora: Einschließlich blutigen Spektakel.
Julian: Allerdings. Gladiatorenkämpfe und Venationes: inszeniertes Tierhetzen mit allem von Bären und Wölfen über Löwen und Leoparden bis hin zu gelegentlich exotischeren Importen wie Krokodilen.
Nora: Und schließlich wurde das Reich verchristlicht.
Julian: Stimmt genau. Ältere Tempel wurden verlassen, abgetragen, umgewidmet oder schlicht überbaut, während das Christentum sowohl die religiöse als auch die bauliche Landschaft veränderte. In der byzantinischen Epoche wurden Kirchen und Klöster zu prägenden Elementen Griechenlands.
Nora: Womit wir wieder beim Kuriosum des heiligen Franziskus wären.
Julian: Das sichtbare Kloster gehört zu dieser byzantinischen Schicht. Wenn sich jedoch das Muster wiederholt, das man auch andernorts in Griechenland findet, waren die Byzantiner womöglich nur die Letzten, die auf dieser Klippe bauten, nicht die Ersten.
Nora: Von außen sieht es aus wie die Ruinen eines einzigen Klosters, doch darunter könnten also theoretisch mehrere verschiedene Epochen griechischer Geschichte liegen.
Julian: Genau.
Nora: Glückwunsch! Beeindruckend kurz.
Julian: Und darin liegt auch der Reiz von Stätten wie dem Kuriosum des heiligen Franziskus. Auf den ersten Blick ist es eindeutig byzantinisch. Doch angesichts der langen Tradition in der Region, auf älteren Strukturen weiterzubauen, könnte eine Stätte wie diese über Jahrhunderte hinweg genutzt, erweitert und immer wieder neu interpretiert worden sein. Je nach Epoche könnten sich dort Tempel oder Monumente befinden, die mit den unterschiedlichsten Gottheiten in Verbindung stehen: Athene, Apollon, Poseidon, Artemis und Hephaistos, um nur einige zu nennen.
Nora: Gibt es in der Region einen Präzedenzfall für eine Entdeckung dieser Größenordnung, oder verlieren wir uns langsam in Fantastereien?
Julian: Allein Eleusis dürfte die Skepsis bremsen. Unweit von Athen befand sich ein gewaltiges Heiligtum, das Demeter und Persephone geweiht war und die Mysterien von Eleusis beherbergte, also geheime Initiationsriten, deren Teilnehmende bekanntermaßen nicht verraten durften, was dort geschah. Der Komplex selbst entwickelte sich über Jahrhunderte hinweg weiter. Wenn etwas von solcher Bedeutung so nah an Athen existieren konnte, möchte ich die Möglichkeit nicht ausschließen, dass dort noch etwas Außergewöhnliches darauf wartet, entdeckt zu werden.
Nora: Wann war das Kuriosum des heiligen Franziskus unseres Wissens nach zuletzt bewohnt? Müssten erhaltene Aufzeichnungen nicht etwas über die frühere Nutzung der Stätte verraten?
Julian: Laut den erhaltenen Aufzeichnungen war dort etwa im Jahr 1270 der christlichen Zeitrechnung eine Klostergemeinschaft, doch der genaue Gründungszeitpunkt des Klosters selbst wird nicht genannt, und ärgerlicherweise ist nicht gerade viel über das Alltagsleben an der Stätte niedergeschrieben. Beim älteren Material wird es interessanter.
Nora: Nur zu.
Julian: Fragmente von Überlieferungen aus der Mitte des fünften Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung beschreiben einflussreiche Personen Athens, darunter Staatsleute, Magistratsbeauftragte und Gelehrte, die mit einem unbekannten Fremden und einem geheimen Bauprojekt irgendwo außerhalb der Stadt in Verbindung standen. Das Kuriosum des heiligen Franziskus wird natürlich nicht erwähnt, noch gibt es Eindeutiges darüber, was dort gebaut wurde.
Nora: Jetzt kommen wir der Sache näher. Ist das Ihr griechisches Gegenstück zu Vilcabamba?
Julian: Ich muss Sie daran erinnern, dass die Vilcabamba-Theorie von Mitgliedern der Wissenschaftsgemeinde unterstützt wurde.
Nora: Nur von einigen bestimmten, die anonym bleiben wollen.
Julian: Nun ja. Jedenfalls gibt es da noch mehr. Dieselben Überlieferungen bezeichnen den erwähnten Fremden als eine Art goldener Fremder: Ein Mann ohne bekannte Zugehörigkeit zu einer Polis, dem aber zugeschrieben wird, seinem Umfeld eine außergewöhnliche Zeit des Wohlstands und der Ordnung beschert zu haben. Die erhaltenen Spuren sind weit verstreut. Kopien und spätere Familienaufzeichnungen tauchten in Korinth, Theben und andernorts auf, doch sie scheinen sich alle auf Personen mit Verbindung nach Athen zurückführen zu lassen. Ob diese Verstreuung auf bewusste Geheimhaltung oder schlicht auf jahrhundertelanges Kopieren zurückzuführen ist, lässt sich nicht sagen.
Nora: Gold. Könnte das eine Anspielung auf Midas sein?
Julian: Einige Überlieferungen vergleichen ihn tatsächlich mit Midas, wahrscheinlich weil Wohlstand mit ihm auf Schritt und Tritt zu folgen schien. Das bedeutet nicht, dass man tatsächlich glaubte, der phrygische König sei zurückgekehrt. Ein oft genug wiederholter Vergleich kann selbst zur Legende werden.
Nora: Oder das Ganze könnte politische Propaganda sein.
Julian: Durchaus. Rivalisierende Städte hatten allen Grund, Athen herabzusetzen, indem sie die Errungenschaften der Stadt irgendeinem mysteriösen Außenseiter zuschrieben. Die Überlieferungen enthalten jedoch auch auffallend konkrete Details: der nächtliche Transport von Steinen, zur Verschwiegenheit verpflichtete Arbeitskräfte und ein großes Bauprojekt, dessen Zweck nie öffentlich bekannt gegeben wurde.
Nora: Faszinierend.
Julian: Noch faszinierender ist, was danach angeblich geschah. Allem Anschein nach hat das Projekt als beeindruckende, aber ansonsten durchaus nachvollziehbare Leistung athenischer Ingenieurskunst begonnen. Dann stießen die Bauleute unter oder innerhalb der Stätte auf ältere Bauwerke. Strukturen, die sie sich Berichten zufolge nicht erklären konnten. Von diesem Zeitpunkt an wurden die Arbeiten aufwendiger, geheimnisvoller und offenbar auch gefährlicher.
Nora: Inwiefern gefährlich? Sind wir endlich am Punkt angelangt, an dem Archäologie zum Actionfilm wird?
Julian: Dafür fehlt uns nur eine Druckplatte. Aber im Ernst sind die erhaltenen Beschreibungen zu vage, um das sagen zu können. Rituelle Architektur, Verteidigungsmechanismen, bauliche Gefahren oder schlicht eine Geschichte, die mit jeder Nacherzählung außergewöhnlicher wurde. Ich will nicht so tun, als hätten wir genug Informationen, um das voneinander zu unterscheiden.
Nora: Ist irgendeine dieser Überlieferungen mit einer existierenden archäologischen Stätte verbunden?
Julian: Nicht eindeutig. Und nichts verbindet sie direkt mit dem Kuriosum des heiligen Franziskus. Aber das Kuriosum erfüllt das Wenige, das wir ableiten können: Es ist nah genug an Athen, schwer zugänglich und im Inneren noch immer größtenteils undokumentiert. Das reicht, um die Stätte weiterhin in Betracht zu ziehen, aber nicht, um von einer direkten Verbindung zu sprechen.
Nora: Also keine handfesten Beweise, die den „goldenen Fremden“ mit dem Kuriosum verbinden.
Julian: Nein. Nur Indizien und eine beunruhigende Anzahl unbeantworteter Fragen.
Nora: Darunter auch die, warum jemand so großes Interesse daran haben sollte, den Zugang zu beschränken.
Julian: Jetzt denken Sie so wie ich. Womit auch die Frage bleibt, die ich ausgesprochen interessant finde: Wenn sich im Kuriosum des heiligen Franziskus etwas befindet, das man schützen wollte, ist Lara Croft dann auch daran interessiert?
Nora: Mehr Fragen als Antworten, Julian. Was ist, wenn die ganze Geschichte nur als solche begann? Als Geschichte? Als eine uralte Erzählung, die so oft wiederholt wurde, dass man sie irgendwann für Geschichte hielt?
Julian: Das kann man sicherlich nicht ausschließen. Aber Sie laden mich nicht ein, damit ich hier die einfachen Antwort liefere. Sie laden mich ein, weil ich abseits den üblichen Pfaden wandle.
Nora: Und genau auf diesen Pfaden befinden sich überraschend viele neue Abonnements.
Julian: Dann sollte ich dieses Kapitel unseres Rätsels wohl zu Ende bringen.
Nora: Bitte. Sind die Sicherheitsdienstleute über denselben Flugplatz abgereist, auf dem sie angekommen waren?
Julian: Einige schon.
Nora: Einige?
Julian: Bei der Abreise hat man deutlich weniger von ihnen gesehen. Nach der zuverlässigsten Schätzung, die ich zusammenstellen konnte, reiste etwa ein Drittel der ursprünglichen Gruppe über denselben Flugplatz ab. Beobachtenden zufolge sahen diejenigen, die abreisten, deutlich mitgenommen aus.
Nora: Sie glauben, die anderen sind tot?
Julian: Das ist ja sehr sensationsgierig von Ihnen. Ich sagte, ihr Verbleib sei unbekannt. Sie könnten auch über eine andere Route abgereist oder in Griechenland geblieben sein, oder sie haben irgendwo außerhalb meiner Reichweite mit neuen Anweisungen erhalten. Angesichts der Berichte über Explosionen beim Kuriosum wäre es allerdings töricht, Tote oder Verletzte auszuschließen.
Nora: Daher also die Zurückhaltung, die ich bei Ihnen bemerkt habe.
Julian: Kann man mir das verdenken? Ich kann nicht bestätigen, dass da jemand tot ist. Allerdings kann ich bestätigen, dass Personen, die mit dieser Geschichte in Verbindung stehen, immer wieder spurlos aus den Aufzeichnungen verschwinden. Carlos. Sicherheitsdienstleute. Quellen, die plötzlich nicht mehr reden. Irgendwann muss man in Betracht ziehen, dass dies vielleicht nicht mehr die Art von Rätsel ist, der man lediglich wegen eines Artefakts oder ein wenig historischen Ruhms nachjagt.
Nora: Es scheint da allerdings um etwas anderes zu gehen. War der Franzose unter denen, die bei der Abreise gesichtet wurden? Also der scheinbare Anführer?
Julian: Nein.
Nora: Und Ihre langjährige Quelle, die ein ungewöhnliches Interesse an Lara Croft hat und Ihrer Vermutung nach aus dem französischen Sprachraum stammt, meldete sich ungefähr zur selben Zeit auch nicht mehr?
Julian: … Ja.
Nora: Das gibt ja zu denken. Ich verstehe, warum Sie kalten Füße bekommen. Selbst wenn wir die eher verrückter Theorien beiseite legen, sind da immer noch Lara Croft auf einem internationalen Abenteuer, eine öffentlichkeitsscheue Jacqueline Natla, eine unbekannte Gruppe bewaffneter Sicherheitsdienstleute, auffallend desinteressierte Behörden, gemeldete Explosionen an einer historischen Stätte mit beschränktem Zugang und ein über zwei Jahrtausende altes Rätsel, das nie richtig gelöst wurde. Das ist eine bemerkenswerte Ansammlung von Zufällen, soviel muss ich Ihnen lassen.
Julian: Wie gesagt, ich habe keine kalten Füße. Es ist angemessene Vorsicht.
Nora: Fürs Protokoll: Julian hat gerade so etwas wie ein nervöses Lachen von sich gegeben.
Julian: Unverschämtheit.
Nora: Sie kennen diese Welt besser als die meisten, Julian. Sagen Sie mir, warum sich diese Sache anders anfühlt.
Julian: Ich habe fast meine gesamte Karriere in Verschwörungskreisen verbracht. Die meisten Verschwörungstheorien sind völliger Schwachsinn. Manche enthalten ein Körnchen Wahrheit. Andere werden bewusst konstruiert, um von einer noch unangenehmeren Wahrheit abzulenken. Und in äußerst seltenen Fällen stößt man auf Sachen, bei denen man sich wünscht, man hätte die Recherche schon früher aufgegeben. Ich habe gelernt, vorsichtig zu sein, wenn ich nicht mehr erkenne, hinter welcher Art von Geschichte ich eigentlich her bin.
Nora: Das war … beunruhigend. Für Sie sehr untypisch.
Julian: Ich wünschte, dem wäre nicht so.
Nora: Zurück zu den Sicherheitsdienstleuten. Wissen Sie vielleicht, wo sie hin sind?
Julian: Ihr Charterflug ging nach Ägypten. Und Croft folgte ihnen.
Nora: Und kehrte danach offenbar nach Hause zurück.
Julian: Irgendwann schon. Wir wissen, wo sie schließlich gelandet ist. Wie sie von Ägypten zurück nach London kam, lässt sich allerdings deutlich schwieriger rekonstruieren. Genau dem bin ich als Nächstes nachgegangen, zusammen mit der weitaus größeren Frage, was Peru, Griechenland und Ägypten miteinander verbindet.
Nora: Ihnen ist klar, dass es mit Ägypten erheblich schwieriger wird, das alles zu ignorieren.
Julian: Nur wenige Orte haben so viel Faszination und so viele Mutmaßungen hervorgerufen wie Ägypten.
Nora: Es nervt mich fast schon, wie vieles an dieser Geschichte weiterhin nur auf Indizien beruht.
Julian: Fast schon?
Nora: Weil ich wider besserer Einsicht wissen will, was als Nächstes passiert ist.
Julian: Dann freut es mich, behilflich zu sein.
Anmerkung der Redaktion: Damit sind wir schon zwei. Falls Sie über glaubwürdige Informationen verfügen, die helfen könnten, die Wissenslücken zu füllen – etwa Sichtungen, Fotos, Reiseunterlagen, Flugdaten oder andere Hinweise zu Crofts Bewegungen durch Ägypten – möchten wir von Ihnen hören. Anonyme Hinweise sind willkommen. Die Untersuchung wird in einer zukünftigen Ausgabe von „Erstaunliche Reisen“ fortgesetzt.


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