Erstaunliche Reisen
Feldbuch: Lara Croft. Auf der Spur der „Grabräuberin“ in den Anden

Nora: Willkommen zurück bei „Feldbuch“, der regelmäßig stattfindenden Gesprächsrunde von „Erstaunliche Reisen“, bei der redaktionelle Standards weniger streng sind und Mutmaßungen mitreden. Ich bin Chefredakteurin Nora Bennett, und mit dabei ist wie immer Julian Mercer, unser Spezialist für Randthemen, der in den letzten Monaten bei der Recherche zu dieser Geschichte alle möglichen Fachleute aus der Archäologie und Luftfahrt sowie öffentlich Bedienstete schikaniert hat.
Julian: Nur angeblich …
Julian: … und ich möchte unser Lesepublikum erinnern, dass was heute noch Randtheorie ist, oftmals schon morgen zur anerkannten Auffassung der Geschichte wird. An die Kontinentalverschiebung glaubte man nicht. Im Mittelalter galt das heliozentrische Weltbild des Kopernikus als Ketzerei. Von Troja sagte man, es sei ein Märchen, bis jemand die Stadt ausgegraben hat.
Nora: Und genau darum erlaube ich Ihnen, weiterhin für uns zu schreiben, Julian. Nur für den Fall, dass eine Ihrer Theorien den Kontakt mit der Realität übersteht. Sie sorgen für Unterhaltung. Ich sorge dafür, dass Sie nicht abheben Erstaunliche Reisen und nicht in Rechtsstreitigkeiten verwickelt werden.
Julian: Und Sie würden sich eine Titelgeschichte mit Lara Croft keineswegs entgehen lassen.
Nora: Eine mögliche Titelgeschichte. Dafür muss es erst mal reichen.
Julian: … Ich bin übrigens weiterhin optimistisch.
Nora: Was bisher erfolglos war, und doch sind Sie beharrlich.
Julian: Lara, wenn Sie zuhören, die Einladung gilt nach wie vor: Ein Interview und Schluss ist mit den Spekulationen. Unsere Tür steht weiterhin offen.
Nora: Glauben Sie wirklich, Lara liest Erstaunliche Reisen um?
Julian: Sie selbst vielleicht nicht. Aber sie ist doch vornehm genugund hat Leute um sich, nicht wahr?
Nora: Sie vermuten also, sie hätte Personal, das sich um ihre Fanpost kümmert?
Julian: Keineswegs. Ich vermute, sie hat Personal, das sich um alles kümmert.
Nora: Machen wir weiter. Ihr Publikum, Julian.
Julian: Zuerst, die Fakten. Lara Croft war vor kurzem aus ungeklärten Umständen in Peru.
Nora: Wie haben Sie festgestellt, dass sie in Peru war?
Julian: Durch Flugverfolgung. So wie bei vielen unserer interessanteren Geschichten kann die Beobachtung von Flugzeugen, die mit namhaften Forschenden und Privatsammelnden in Verbindung stehen, äußerst zielführend sein.
Nora: Ein Vorspann mit festen Beweisen. Sie fangen gut an, Julian.
Julian: Was meine Aufmerksamkeit auf sich zog, war der Ort, an dem das Flugzeug landete: Eine abgelegene Landepiste, die in erster Linie für den Erzabbau in den Anden vorgesehen ist. Nicht für Tourismus. Nicht für die Forschung. Und sicherlich kein Ort, an dem derzeit größere archäologische Ausgrabungen stattfinden.
Nora: Bevor Sie voreilige Schlüsse ziehen – Flugdaten beweisen nicht, dass Lara Croft persönlich an Bord war. Privatflugzeuge werden ständig vermietet.
Julian: Stimmt. Doch zwei Tage zuvor machte mich eine meiner Kontaktpersonen vor Ort auf eine ungewöhnliche Ankunft auf derselben Landepiste aufmerksam. Und zwar war ein Flugzeug gelandet, das mit Jacqueline Natla – ausgerechnet mit ihr – in Verbindung steht.
Nora: Von Natla Technologies?
Julian: Ganz genau die. Natla selbst war nicht an Bord, doch laut meiner Kontaktperson ist ein einziger Passagier ausgestiegen. Ein blonder Amerikaner.
Nora: Konnten Sie ihn identifizieren?
Julian: Seine Ankunft wurde nicht offiziell vermerkt, und über unsere üblichen Kanäle haben wir auch niemanden gefunden, der ihm entspricht. Nichts in den sozialen Medien und auch keine öffentlichen Profile, anhand denen ich einen glaubwürdigen Zusammenhang zu Natla herstellen könnte. Entweder ist er gewollt schwer zu finden, oder er ist einfach gut darin, sich aus Fotos herauszuhalten. Jedenfalls fand ich das Ganze so seltsam, dass ich meine Kontaktperson gebeten habe, weitere Neuankömmlinge im Auge zu behalten.
Nora: Und dann ist Crofts Maschine gelandet.
Julian: Ganz genau. Das Bodenpersonal hat bestätigt, dass sie selbst ausgestiegen ist. Lara Croft ist eindeutig identifizierbar durch ihr braunes Haar mit dem langen Zopf, durch die aristokratische Sprechweise und … durch die Doppelpistolen.
Nora: Sie denken, die zwei Ankünfte hätten miteinander zu tun?
Julian: Ist möglich. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nur von einer ungewöhnlichen Ankunft, gefolgt von einer weiteren.
Nora: Natlas Interessen liegen ganz klar im Bereich der Technologie. Die Gewinnung von seltenen Erden zieht mächtige Personen an. Warum soll das etwas mit Croft zu tun haben?
Julian: Natla Technologies hatte schon immer eine größere Reichweite, als der Name vermuten lässt.
Nora: Zum Beispiel?
Julian: Biotechnologie. Pharmazeutika. Das Amazonasgebiet ist eines der reichhaltigsten Naturlabore auf der Welt.
Nora: Sie denken wieder an Faultierfell, nicht wahr?
Julian: Ich behaupte nach wie vor, dass Faultiere mehr Respekt verdienen. Ein im Fell eines Faultiers entdeckter Pilz hat eine Wirkung gegen bestimmte Krebszellen gezeigt. Und genau diese Art von Entdeckung zieht Pharma-Investitionen in abgelegene Ökosysteme.
Nora: Julian …
Julian: Zurück zum Thema. Von mehr Relevanz ist, dass Natla Technologies in der Vergangenheit auch einige Archäologieprojekte stillschweigend finanziert hat.
Nora: Warum sagen Sie das nicht gleich?
Julian: Bedeutende, öffentlich bekannte Entdeckungen gab es bei keinem davon, doch ein Muster ist zu erkennen. Bei Natla scheint man sehr an Berichten über sogenannte verlorene Technologien und vergessenes Wissen interessiert zu sein.
Nora: Schon besser.
Julian: Darum ist es mir auch aufgefallen, dass sich Lara in genau dieselbe Ecke von Peru begibt. Lara ist dann in einer kleinen Bergsiedlung in den Anden aufgetaucht, ein paar hundert Kilometer weit von der Landepiste entfernt. Der Ort ist nicht gerade als Reiseziel bekannt …
Nora: Moment. Wie genau haben Sie verfolgt, wo sie hin ist, nachdem sie den Flugplatz verlassen hat?
Julian: Das Dorf wurde anhand von Satellitenbildern bestätigt. Dass es Croft war, hat eine Kontaktperson vor Ort bestätigt.
Nora: Sie haben also Zugriff auf Satelliten?
Julian: Nicht direkt. Doch ich wusste, aus dieser Geschichte wird noch was. Also habe ich einen großen Gefallen eingefordert. Sagen wir einfach, es gibt archäologienahe Personenkreise mit Mitteln, die den meisten Medien nicht zur Verfügung stehen.
Nora: Wie bitte? Gibt es ‚Raubnetzwerke‘ etwa tatsächlich?
Julian: Das habe ich nicht gesagt.
Nora: Irgendwie schon.
Julian: Das Wichtigste ist, dass der blonde Amerikaner, der mit Natla zu tun hat, bereits im Dorf war, bevor Croft ankam.
Nora: … Dann sind Lara Croft und eine mit Natla verbundene Person also auf einer abgelegenen Landepiste in einem Bergbaugebiet in Peru eingetroffen und zu einer abgeschiedenen Siedlung in den Anden weitergereist.
Julian: Ganz genau. Ich denke, je öfter ein Zufall auftritt, desto weniger überzeugend ist die Sache.
Nora: Na gut, jetzt will ich mehr wissen.
Nora: Also, warum Peru? Das ist ein riesiges Land mit abwechslungsreichem Gelände, einer weit zurückreichenden Geschichte und lebendigen Kulturen. Es gibt dort viele Dinge, die Lara Croft vielleicht angelockt haben – etwa die Berge selbst. Sie ist ja eine versierte Bergsteigerin, und dieses Gebiet der Anden ist äußerst abgelegen. Eine Erstbesteigung könnte Kletterbegeisterte aus der ganzen Welt heranziehen.
Julian: Stimmt, passt auch von der Kletterausrüstung her. Aber nicht von der Logistik.
Nora: Erklären Sie.
Julian: Eine große Bergexpedition ist einfacher nachzuverfolgen, mit Klettergenehmigungen, Ausrüstungsverleih und – im Falle einer noch nicht erschlossenen Wegstrecke – einem erheblichen Koordinationsaufwand vor Ort. Laras Aktion ist aber ungewöhnlich klein und sie hat alle herkömmlichen Zugangswege in die Region gemieden. Wobei sie ja auch nicht dafür bekannt ist, die Dinge „genau nach Vorschrift“ anzugehen. Natürlich war sie schon öfter auf einen Adrenalinrausch aus, aber das hier fühlt sich zielorientierter an und weniger nach Abenteuer.
Nora: Also waren die Berge nicht das Ziel.
Julian: Ganz genau. Die Berge waren ein Hindernis zwischen ihr und dem, wonach sie eigentlich gesucht hat.
Nora: Na schön. Und … wenn ich mich recht erinnere, ist Lara nicht zum ersten Mal in Peru.
Julian: Das stimmt.
Nora: Mit Anfang Zwanzig war Lara in einige … dramatische Ereignisse in Peru verwickelt. Gerüchten zufolge soll sie nach einer verlorenen Stadt gesucht haben. Doch leider wurde das nie bestätigt.
Julian: Ganz genau. Und in Südamerika gibt es so einige legendäre verlorene Städte, von denen man schwärmen könnte. Paititi, El Dorado, die versunkene Stadt Z … auch Vilcabamba.
Nora: Vilcabamba passt nicht dazu. Laut Geschichtsforschenden wurde sie bereits gefunden.
Julian: Laut den Meisten schon.
Nora: Nicht schon wieder … Die Region, in die Lara vorgedrungen ist, liegt tief in den Anden Perus und wird in erster Linie mit Hochlandkulturen wie den Inka in Verbindung gebracht. Da gebe ich Ihnen schon recht. Gibt es in dieser Gegend nicht vielleicht noch Artefakte von hohem kulturellen Wert?
Julian: Sicherlich. Doch ich denke nicht, dass Lara Croft wegen einem Kero (Erläuterung: ein Trinkgefäß der Andenwelt) in ein abgelegenes Gebiet fliegt, ganz gleich dessen historische Bedeutung.
Nora: Sie denken, das Ausmaß passt nicht.
Julian: Ganz genau. Lara war schon immer mehr an Geheimnissen interessiert als an Museumsfunden.
Nora: Nun ja, das hat sie in einem ihrer wenigen öffentlichen Vorträge auch so gesagt. Sie wollte es unbedingt klarstellen, als direkte Reaktion auf den Spitznamen „Grabräuberin“, den ihr die britische Boulevardpresse gegeben hatte.
Julian: Womit sich auch ein traditionelles Artefakt etwas … klein anfühlt. Bei allem Respekt vor der archäologischen Gemeinschaft.
Nora: Sie meinen, dass sie etwas Größerem hinterher war.
Julian: Etwas Ungeklärtem.
Nora: … Und jetzt sind wir beim Kern der Sache.
Julian: Vilcabamba.
Nora: Das scheint mir doch etwas weit hergeholt. Vilcabamba ist eine bekannte archäologische Stätte. Und sogar ein Touristenziel, für diejenigen, die sich ins Gelände wagen. Also, erklären Sie mir Ihre Theorie.
Julian: Das Problem ist, dass sich „Vilcabamba“ nicht mehr auf eine eindeutige Sache bezieht. Je nachdem, wen man fragt, kann damit eine Region, eine Gebirgskette, mehrere Städte oder einfach der letzte organisierte Widerstand der Inka gemeint sein.
Nora: Die Kurzfassung für unser Lesepublikum, bitte.
Julian: Für eine lange Zeit galt Vilcabamba als eine der vielen legendären verlorenen Städte Südamerikas, bis Archäologie-Fachleute schließlich den Zusammenhang zur Ruine in der Region Cusco von Peru herstellten, die heute als „Espíritu Pampa“, die Ebene der Geister, bekannt ist.
Nora: Die Identifizierung war etwas vertrackt, oder?
Julian: Oh ja. Vilcabamba, was auf Quechua „heiliges Gebiet“ bedeutet, bezog sich ursprünglich auf eine viel größere Region, die ab etwa dem 15. Jahrhundert von den Inka bewohnt wurde. Dieses Gebiet erstreckte sich von den hohen Anden bis zum Amazonasbecken hinunter und umfasste Berge, Nebelwälder, Flüsse, Dschungel. Unwegsames Gelände.
Nora: Die Inka waren jedoch nicht die ersten, die diese Gegend bewohnten. Ältere Kulturen wie die Wari hatten Teile davon schon lange zuvor besiedelt.
Julian: Das stimmt. Die Gegend hatte vor dem letzten Widerstand der Inka eine reichhaltige Geschichte. Nach den schweren Konflikten mit den Spaniern in den 1530ern ließ Manco Inca, der damalige Herrscher, die Hauptstadt tiefer in die Vilcabamba-Region verlegen, denn er glaubte, in diesem Gelände wäre eine Invasion quasi unmöglich. Und er behielt jahrzehntelang Recht.
Nora: Bis die Spanier den letzten Vorstoß unternahmen.
Julian: Auch das stimmt. Im Jahr 1572 wurde die letzte Hochburg der Inka eingenommen und Túpac Amaru, der letzte Herrscher, wurde gefangengenommen und hingerichtet.
Nora: Und mit der Zeit gewann der Dschungel einen Großteil der Region zurück. Für viele wurde die Stadt zur Sage.
Julian: Geschichtsforschende waren sich jahrhundertelang nicht ganz sicher, welche Ruinen tatsächlich zu Vilcabamba gehörten. Zum Beispiel identifizierte Hiram Bingham nach seiner Expedition im Jahr 1911 Machu Picchu als die verlorene Stadt.
Nora: Zugegeben hat selbst die moderne Weltgeschichte Teile bei dieser Geschichte falsch wiedergegeben.
Julian: Ganz genau. Erst nach Jahrzehnten von konkurrierenden Theorien, Expeditionen und archäologischen Debatten wurde Espíritu Pampa allgemein als Vilcabamba anerkannt.
Nora: Und weiter …
Julian: Die Geschichtsdarstellung vereinfacht chaotische Umstürze oftmals. Die Inka waren außergewöhnlich begabt in der Baukunst und bei der Planung von Strategien. Vilcabamba war die letzte bekannte Verteidigungshochburg des neuen Inka-Staats.freizuschalten. Ich bin nicht der einzige, der denkt, dass es tiefer in den Anden ein weiteres Netzwerk von Zufluchtsorten gab, mit Zweitsiedlungen, Schutzstätten für Notfälle oder beschützten Refugien.
Nora: Sie meinen, dass Geschichtsforschende einen Teil dieses Systems identifiziert haben, aber nicht zwingend das Ganze.
Julian: Ganz genau.
Nora: Möchten Sie die Glaubwürdigkeit Ihrer Behauptungen eventuell untermauern und einige der Personen nennen, die das ebenfalls denken?
Julian: Auf keinen Fall. Dank meiner Präsenz in den sozialen Medien bin ich im Falle einer Kündigung abgesichert. Wer jedoch akademisch tätig ist, braucht eine Festanstellung.
Nora: Sehr bescheiden. Und pragmatisch.
Julian: Immer. Aber egal. In Fragmenten von Kolonialberichten sowie umstrittenen Übersetzungen und vereinzelten mündlichen Überlieferungen finden sich schon seit langem Hinweise, die auf noch weiter abgelegene Zufluchtsorte jenseits der traditionell anerkannten Stätten von Vilcabamba hindeuten. Kleinere. Besser verborgene. Möglicherweise den Herrschenden vorbehaltene, falls die Hauptsiedlungen untergehen sollten.
Nora: Ein Gerücht ist kein Beweis, Julian.
Julian: Nein. Aber eine ungeklärte Geschichtsdarstellung führt oft zu beidem.
Nora: Dann ist Ihre Theorie also, dass Lara in dieser abgeschiedenen Region der Anden auf der Suche nach dem „wahren“ letzten Zufluchtsort der Inka war?
Julian: Ich denke, sie war auf der Suche nach etwas, das mit dem ungeklärten Teil der Geschichte von Vilcabamba zu tun hat.
Nora: Wenn ein solcher Ort existiert, dann hätten ihn die Spanier doch letztendlich gefunden. Und wenn ja, gäbe es Aufzeichnungen darüber.
Julian: Es sei denn, die Aufzeichnungen waren unvollständig. Oder niemand hat überlebt, weder Inka noch Eindringling, um welche verfassen zu können.
Nora: Nun. Das klingt ja schon sehr unheilvoll.
Nora: Aber gut, wir sind etwas vom Thema abgeschweift. Zurück zu dem, was wir wissen. Das Dorf.
Julian: Wir haben eine Einheimische gefunden, die bereit war, uns Bericht zu erstatten. Ihrer Aussage zufolge schien der blonde Amerikaner Lara bewusst aus dem Weg zu gehen. Er hat sie aus der Ferne beobachtet und ist ihr nie direkt nahegekommen.
Nora: Und weiter?
Julian: Nach mehreren Tagen der Planung und der Beschaffung von Vorräten ist Lara mit einem einheimischen Führer namens Carlos aufgebrochen. Seinen Nachnamen wissen wir nicht. Unsere Quelle hat uns das Wenige berichtet, das man über ihn wusste. Keine Familie, risikobereit, einzelgängerisch …
Nora: Klingt, als hätte Lara einen Geistesverwandten gefunden.
Julian: Ja, gleichgesinnt und so. Er war dafür bekannt, schwierige Aufträge anzunehmen, und kannte die umliegenden Gipfel wohl besser als sonst jemand. Ich vermute, Lara hat ihn deswegen engagiert.
Julian: Jedenfalls ging der blonde Amerikaner ein paar Stunden nach Lara und Carlos los und folgte der derselben Wegstrecke in die Berge. Einige Tage später kehrte er dann zurück. Er sah ziemlich mitgenommen aus, überall blaue Flecken und er hinkte. Irgendwann ist er zurück zur Landepiste und mit demselben mit Natla Technologies verbundenen Flugzeug davongeflogen.
Nora: Und Carlos?
Julian: Kehrte nie wieder ins Dorf zurück.
Nora: Das ist … beunruhigend.
Julian: Lara kehrte aber auch nicht über das Dorf zurück. Sie kam schließlich auch wieder zur Landepiste, über eine unbekannte Wegstrecke. Carlos war jedoch ein Einheimischer. Den Leuten ist aufgefallen, dass er nicht zurückgekehrt ist.
Nora: Vorsicht. Verleumdungsprozesse spare ich mir lieber.
Julian: Ich möchte offiziell sagen, dass ich niemandem etwas unterstelle. Es gibt viele Erklärungen dafür, warum jemand in derartigem Gelände verschwinden könnte.
Nora: Zum Beispiel?
Julian: Die Anden Perus beheimaten viele Spitzenraubtiere, wie etwa Pumas. In dieser Region gibt es auch Bären, eine Vielzahl von aggressiven Höhlenfledermäusen und merkwürdigerweise auch Rudel von unidentifizierten hundeartigen Tieren. Laut Beschreibung der Einheimischen sind sie zu groß, um Andenfüchse oder streunende Hunde zu sein – die halten sich aus gutem Grund von diesen Bergen fern.
Nora: Zwischen der Höhenlage, dem unberechenbaren Wetter, dem zerklüfteten Gelände und der ungewöhnlichen Tierwelt ist also von einer äußerst abgelegenen und gefährlichen Umgebung die Rede. Unfälle kommen vor.
Julian: Des Öfteren.
Nora: Lieber möchte ich glauben, dass Carlos das Geld von Croft genommen und an irgendeinem wärmeren Ort ein friedliches neues Leben begonnen hat.
Julian: Man kann hoffen. Doch all das interessiert mich so an dieser Region.
Nora: Die Gefahr?
Julian: Die Abgeschiedenheit. An solchen Orten können Dinge sehr lange verborgen bleiben. So wie etwa der letzte Zufluchtsort eines untergegangenen Reichs … zwinker zwinker.
Nora: Haben sie eben „zwinker zwinker“ gesagt?
Julian: Ja, nur für die Mitschrift.
Nora: … Na ja, wenn wir schon diesen zunehmend fragwürdigen Theorien nachgehen, dann wurden in Peru über die Jahre hinweg auch einige recht seltsame paläontologische Funde gemacht. Lara Croft wurde mit einigen unwahrscheinlichen Geschichten in Verbindung gebracht. Von einem besonderen Gerücht, bei dem es um Bigfoot geht, haben wir bereits ausführlich berichtet. Vielleicht war sie in Peru auf der Jagd nach „prähistorischen Raubtieren“ …
Julian: Und die Leute nennen mich den Verschwörungstheoretiker.
Nora: Ich versuche nur, die gleiche Sprache wie Sie zu sprechen. Wobei mir klar ist, dass Dinosaurierknochen streng genommen nicht in den Aufgabenbereich der Archäologie fallen.
Julian: Und Lara scheint zu bevorzugen, wenn uralte Flüche und aufwändige Todesfallen mit im Spiel sind. Doch jetzt mal im Ernst. Ich weiß, das hört sich lächerlich an, doch ich werde das Gefühl nicht los, dass in diesen Bergen etwas Wichtiges verborgen ist.
Nora: Dann erklären Sie mir dies. Wenn ein zweiter Zufluchtsort der Inka existieren sollte, wie haben sie ihn gebaut? Die Baukunst der Inka war sicherlich außergewöhnlich, doch die Anden sind gnadenlos.
Julian: Vielleicht hat ihnen eine anderen Zivilisation aus alter Zeit geholfen?
Nora: Julian.
Julian: Das sollte ein Scherz sein.
Nora: Gut. Denn selbst bei Erstaunliche Reisen gibt es Standards. Der Quatsch mit Außerirdischen der Vorzeit geht hier nicht durch.
Julian: Na schön. Die Wahrheit ist, es bleibt ungeklärt, wonach Lara dort eigentlich gesucht hat. Doch man begibt sich nicht ohne Grund auf versteckte Landepisten, in abgeschiedene Dörfer oder auf abgelegene Bergpässe.
Nora: Dann lautet Ihre offizielle Haltung nach wie vor: „In Peru ist etwas Seltsames passiert“.
Julian: Meine offizielle Haltung lautet, dass Lara Croft etwas gefunden hat, das wichtig genug ist, um es geheim zu halten.
Nora: … Und sie denken, das reicht als Titelgeschichte?
Anmerkung der Redaktion: Er hat die Titelgeschichte bekommen. Auch unvollständig ist es eine mitreißende Geschichte mit einer ebenso mitreißenden Figur.


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